Es war extrem

An die eigenen Grenzen gehen – das war mir klar. Aber dass es noch darüber hinaus geht, das war so für mich nicht kalkulierbar. Wo meine persönlichen Grenzen liegen, das hatte ich im Vorfeld schon bei Touren erlebt. Im Vorjahr faszinierte mich schon die halbe Runde um den See. Mein Limit lag damals bei 60 km – sowohl im Kopf als auch in den Beinen. Heuer war alles anders.

Mein Zielbild hatte ich visualisiert:

Ich durchschreite den Zieltriumphbogen in Oggau.

Um 4.30 fiel der Startschuss in Oggau. Angenehme Temperaturen über Null, kein Regen, Schnee  und auch kein Wind – und das am Neusiedler See. Eine Seltenheit, das musste ein gutes Omen sein.  Nach der Grenze: viele Kilometer durch ungarische Dörfer – ich bin mir sicher, dass zu jedem Haus mindestens ein Hund gehört. Bellender Hund – wohlgemerkt!

Bis Hegykö waren  40 km zurückgelegt und wir wurden bereits von unseren Begleitfahrzeugen erwartet. Herbert – der beste Begleitfahrer aller Zeiten! – versorgte uns mit köstlicher, veganer Gemüsesuppe aus der Kanne. Hier passierte mir ein Fehler. Ich nahm keine Kohlehydrate zu mir, sprich: ich vergaß schlichtweg, mein mitgebrachtes Brot zu essen. Gut gelaunt und mit viel Elan in den Füßen ging es weiter – in den Nationalpark Neusiedlersee/Fertöd. Mystische Wälder, gefolgt von seltsamen Vogelbehausungen, Weiderinder und wieder lange Trampelpfade brachten Abwechslung – bis… ja, bis man in die Gegend des Einserkanals kommt. Ewig lang erschien uns dieser pfeilgerade Weg, nicht enden wollend!

In Apetlon wieder Versorgung: Gemüsesuppe, veganer Nudelsalat und Cola (sehr wichtig!) – der Zucker pusht! Im Stehen wurde gegessen, einmal hinsetzen heißt bekanntlich: Man muss die Beine erst wieder in Schwung bringen. Und das ist mühsam.

Von nun an waren wir nur mit Bauchtaschen ausgerüstet, unsere Trinkflaschen konnten wir auch so mittragen. Weitere Ausrüstung war nicht nötig, das Wetter nach wie vor perfekt, nicht zu kalt und nur ganz leichter Wind. In der Hölle vor Illmitz überkam mich plötzlich die „Hölle“. Ein köstliches Pogatscherl bei der Labestation packte ich zwar ein, aber essen konnte ich es nicht. Ich brachte kaum ein Stück runter – mir fehlte wohl der Zucker aus den Kohlehydraten. Mir war sogar leicht übel. Gezuckerter Tee konnte noch Abhilfe schaffen. Somit habe ich gelernt: Zur Gemüsesuppe unbedingt Brot essen oder eine Gemüseeinlage wie Nudeln verwenden. Mein Körper hätte das gebraucht. Dass ich in der Bauchtasche noch Müsliriegel hatte, war mir entfallen.

Vor Podersdorf marschierten wir wieder in die Finsternis hinein. Hier spürte ich zum ersten Mal ein Prickeln auf den Fußsohlen. Sollten sich da etwa Blasen entwickeln?  Podersdorf ….  – im Sommer erscheint mir der Ort nie so lang. Beim Badrestaurant wurde meine Ferse mit einem Tape bekleb. Ich hatte das Gefühl, eine riesige Blase zu haben. Aber dem war zum Glück nicht so. Also wieder weiter.

In Neusiedl das Pannoneum zu betreten war herrlich. Endlich hinsetzen! Nach 90 km. Mir tat wirklich Vieles weh – ich spürte meine Knie, war alle Muskeln. Dass das aber noch keine richtigen Schmerzen waren, sollte sich noch später rausstellen. Die Suppe schmeckte köstlich. Um 20.30 verließen wir das Pannoneum. Wieder bester Laune.

Doch kurz nach Neusiedl – in der Dunkelheit – kälter wurde es nun auch schon – jetzt durften es auch schon die warmen Fäustlinge sein, überfiel mich ein Gedanke. Noch 30 km zum Ziel. 30 km! Mindestens fünf Stunden. Mir verging plötzlich die Freude, aber was half das alles? Nix. Also weiter – wir wollten ja ins Ziel kommen. Jois, Winden, Breitenbrunn, Purbach, Donnerskirchen – das Gehen wurde immer mehr zur Qual. Je später es wurde, desto mehr sank die Motivation. Am liebsten hätte ich aufgegeben.

Aufgeben? Aufgeben tut man nur einen Brief!

Also: gehen, gehen, gehen. Nicht denken, nur gehen. Reden eingestellt. Wenn, dann schimpfen – so eine Schnapsidee! 120 km an einem Stück gehen! Wie konnte ich nur so …. sein!

Die letzten 20 km begleitete uns mein Mann. Er meinte: „Reden wir morgen drüber. Aufgeben geht jetzt nicht mehr!“

Gehen, gehen, gehen. Alles tut weh, wirklich alles, jeder Muskel, auch der, den man vorher noch nie gespürt hat!

Und  d a n n : Ortstafel „OGGAU“ – plötzlich setzt das Reden wieder ein, wir werden aufgeregt, und dann kommt es, das  Z I E L. Hurra! Wir haben es geschafft! Wir durchschreiben den Zielbogen, Medaillen werden uns umgehängt, wir sind da! Unglaublich! Gratulationen! Freudentanz – ja, wir konnten plötzlich hüpfen, Umarmungen! Herrlich!

Als Abschluss ein Foto auf der Siegercouch!

Wir sind alle Sieger! Das beste Gefühl!

2 Kommentare auch kommentieren

  1. Karin sagt:

    Liebe Petra,
    Ich finde das soo beeindruckend! Es zeigt, wie motiviert und willensstark du bist! Und ich hadere noch mit mir ob ich den Weg von St. Pölten in Mariazell in vier Tagen schaffe…

    LG

    1. petraleitgeb sagt:

      Liebe Karin, danke für das Kompliment! Ja, mach das. Geh los und starte schon jetzt mit kurzen Wegen, dann schaffst du auch den weiten nach Mariazell. Jede Strecke macht dich frei im Kopf und bringt dich deinem Ziel step by step näher. Ich wünsche dir viele gute Erfahrungen beim Gehen! LG Petra

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